Abschlag aus 430 Meter Höhe –
und zwei Meter vor dem Abgrund

Ein Erfahrungsbericht von Joachim Wittmann
Düsseldorf. Sie wollen einmal etwas Ausgefallenes, etwas Verrücktes machen? Sie spielen Golf und sind gerade in der südafrikanischen Provinz Limpopo unterwegs? Dann fahren Sie doch mal rasch rüber ins „Legend Golf and Safari Resort“ und buchen einen Hubschrauber-Flug zu einem der ungewöhnlichen Golfereignisse.
Der Hubschrauber bringt Sie auf einen Abschlag auf 430 Metern Höhe über dem Fairway. Wer schon oft Hubschrauber geflogen ist, dem scheint hier noch nichts Spektakuläres in der Luft zu liegen, allen anderen bleibt eine Flugerfahrung im Besonderen!
Es geht steil aufwärts. Das Felsmassiv zur einen, der atemberaubende Ausblick in die Weite Südafrikas zur anderen Seite. Spätestens beim Einstieg schon schwitzen einem leicht die Hände, und das Herz schlägt etwas schneller als gewohnt. Doch wenn sich die Rotorblätter schneller drehen und der Helikopter beginnt, sich zu heben, spätesten jetzt weiß man, dass es sich um etwas Besonderes an diesem Tag handeln wird.
Oben
angekommen setzt der Helikopter auf dem Felsmassiv auf und lässt
die Rotorblätter auskreisen. Wir steigen aus und erleben den wohl
beeindruckendsten Ausblick über eine Landschaft, wie sie in Reiseführern
oder Romanen über Afrika nicht besser beschrieben werden kann.
Nach Minuten des Staunens und langsam begreifend, dass es sehr wohl jemanden geben muss, der bewusst diesen Flecken Natur geschaffen hat, wird man sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe bewusst die da heißt: Golf-Abschlag vom Berg. Und ab mit dem kleinen Ball runter ins Tal auf ein normal großes, aber kaum sichtbares Green mit vorgelagerten Bunkern und einem verschwommenen Fairway.
Es heißt ja bekanntlich aus dem Flug-Jargon „runter kommen sie schon alle“! Dabei meint man aber nicht die Driver, die von nervösen Golfern losgelassen wurden im Durchschwung, weil die Hände vor Aufregung zu stark schwitzten. Diese – die Driver - hängen nun irgendwo verlassen im Fels.
Der Erste aus unserer Gruppe stellt sich mutig auf den Abschlag. Mutig auf den Abschlag?
Wer braucht da Mut?
Naja, alle die, die noch nie bei einem Abschlag einen senkrecht abfallenden Abgrund von über 400 Meter in knapp einem Meter Entfernung vor sich hatten.
Kurze Erinnerung an die heimatliche Umgebung: Das Kiesbett am Ende der Drivingrange-Boxen im GC Düsseldorf-Grafenberg ist, weil gerade mal nur 30 cm tiefer gelegen - nicht ganz so Furcht einflößend, und so kommt der Gedanke eines eventuellen Vorwärts-Umfallen während des Durchschwungs in den Kopf. Nicht bewusst, unbewusst. Und trotz dessen, dass wir in Grafenberg in all den Jahren selbst noch nicht aus der Box ins Kiesbett, gefallen sind, geschweige denn, vielleicht mal jemanden dabei gesehen haben, dem dieses Missgeschick passiert wäre – hier auf diesem hohen Felsen in Südafrika stehen wir doch vor einem Problem.
Denn unser Körper, den wir seit Jahren auf eine stilistisch und formvollendete Endposition trainieren, verweigert plötzlich den Durchschwung!
Ich habe nun meinen ersten Ball mit äußerster Zurückhaltung aufgeteet. Auch dabei bin ich bislang noch nie umgefallen) und mache ein paar zarte Probeschwünge mit meinen Driver (der es ansonsten auch gewohnt ist, äußerst zügig von mir bewegt zu werden). Aber was dann passiert, kann nur dem Erhaltungstrieb des Körpers zugeschrieben werden.
Ich will also den Ball den Berg runter jagen, dem Grün in 400 Meter
horizontaler Entfernung entgegen, das Faiway 280 Meter horizontal entfernt.
Bislang glaubte ich, ich würde meinen Golfschwung steuern, doch hier
verweigert mein „Überich“ den Durchschwung. Ich lehne
mich vollends nach rechts, weg von der Gefahr, die da ein, zwei Meter
vor mir lauert. Dieser Schwung als Video-Lehrmittel würde komplett
durchfallen, meine Schüler würden nur den Kopf schütteln
und meinen Worten keinen Glauben mehr schenken.
Aber
zum Glück stehen einige von denen mit mir oben auf dem Berg. Und
was soll ich sagen, es ergeht ihnen genauso! Auch sie weichen im Durchschwung
noch mehr zurück und bleiben rechts hinten stehen. Aber: „Wird
aber meine Technik im Tal zurück kehren?“
Zum Prozedere dieser ungewöhnlichen Tour: Jeder Spieler hat von dort oben mit seinen zuvor gekennzeichneten Bällen insgesamt sechs Abschläge. Liegt der erste Ball auf dem Fairway, dürfen die anderen Bälle trotzdem noch geschlagen werden. Für den Score gilt der erste Ball, der von einem Helfer im Tal gefunden wird. Für jeden verlorenen Ball kommt ein Strafschlag dazu, wie im richtigen Golferleben. Der Helfer unten im Tal gibt das Ergebnis per Walkie Talkie nach oben bekannt. 20 Sekunden dauert der Flug des Balls, verfolgen kann man diesen gegen den weiten Horizont nur schwer.
Nachdem alle Abschläge durchgeführt wurden, bringt der Helikopter die Truppe wieder zurück ins Tal. Wobei es sich der Pilot nicht nehmen lässt, den Flugbahnen der Bälle zu folgen. Direkt steil über die Klippe Richtung Tal. So kurvenreich, wie der Knabe flog, muss mein erster Drive wohl ein perfekter Slice gewesen sein.
Abgesetzt im Tal, steigen wir wieder das Fairway hinauf zu unseren Bällen, die der Helfer für uns identifiziert hat. Meiner erster „JBW-Ball“ liegt tatsächlich auf dem Fairway, nur knapp 60 Meter bergab von der Fahne entfernt. Es folgt ein immer noch mit Adrenalin angereicherter Pitch an die Fahne. Wahnsinn, nur knapp 1,5 Meter entfernt. Gleich schreibe ich Geschichte, schießt es mir in den Kopf, ich spiele bestimmt das PAR! Gleich mit den paar Wenigen, die das vor mir geschafft haben - für die Statistik: bisher wurden dort erst zwei Birdies gespielt!
Ich betrete das Grün, lese es, bereite mich vor und....und ... und... vorbei! Kein Par, leider nur die Vier. Nur das Bogey, aber auch das ist noch hervorragend.
Doch was bleibt mir gedanklich an dieses Ereignis?!?
Wieder einmal die Erkenntnis, dass der Putt den Erfolg ausmacht. Mist.
Meine Mitspieler und ich sind uns aber an diesem Tag einig, nämlich
etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben und diese Erkenntnis:
Sollte sich diese Gelegenheit wieder einmal bieten, wir würden uns
diesen Spaß jederzeit wieder gönnen....
